Was geschah 1945?

 

Als sowjetische Truppen am 22. April 1945 Schloss Wiepersdorf besetzten, war Friedmund von Arnim, ein Urenkel des Dichterpaares, Eigentümer der Güter Zernikow, Wiepersdorf und Bärwalde. Mit seiner Frau Clara von Arnim, geborene von Hagens, und den sechs Kindern lebte die Familie vorwiegend in Zernikow. Friedmund von Arnim verstarb 1946 in sowjetischer Gefangenschaft.

 

 

Bettina Encke von Arnim

Ludwig von Streitenfeld

Bettina Encke von Arnim

Bildrechte: Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf

 

In Wiepersdorf lebte seit den 1920er Jahren Agnes von Arnim geb. von Baumbach, die Mutter Friedmunds mit ihren Töchtern. 1943 übersiedelte die älteste aus Berlin, die Malerin Bettina Encke von Arnim. Zu den Gästen in Wiepersdorf zählte der Bauhauskünstler Fritz Kuhr, der ab 1933/34 Diffamierungen ausgesetzt war und als entartet gebrandmarkt wurde. Er war mit den Familien von Arnim und Encke befreundet. Mit der Malerin Betina Encke teilte er sich in Berlin ein Atelier. 1899 in Lüttich geboren, studierte Kuhr am Staatlichen Bauhaus in Weimar, seit 1925 in Dessau. Moholy-Nagy, Klee und Kandinski zählten zu seinen Lehrern.

 

 

Als Schloss Wiepersdorf 1945 nach dem Einmarsch der Sowjets von Zerstörung bedroht und von Plünderungen betroffen war, initiierte Bettina Encke eine Nutzung als Dichterheim, unterstützt von Dr. Iwan Katz, der Mitglied des Berliner Magistrats war. Dem von den Nationalsozialisten verfolgten jüdischen und ehemaligen kommunistischen Reichstagsabgeordneten hatten Friedmund von Arnim, seine Schwester Bettina Encke und ihr Mann Walther Encke helfend zur Seite gestanden. Friedmund von Arnim versteckte Iwan Katz auf seinen Gütern und in seiner Zaunfabrik, wo er jedoch nicht den Konzentrationslagern entkam, die er überlebte. Am 6. November 1946 wurde die Deutsche Dichterstiftung in Potsdam gegründet und führte das Haus.

 

Die Familie von Arnim flüchtete aus Zernikow und aus Wiepersdorf in den Westen Deutschlands, 1947 wurde sie enteignet.

 

Schloss Wiepersdorf wird 1953 Dichterheim, ab 1965 trägt es den Namen Bettina von Arnims

 

Am 1. April 1953 übernahm der Deutsche Schiftstellerverband aufgrund ener Verordnung des DDR-Ministerrats Schloss Wiepersdorf. Zahlreiche Schriftstelller, bildende Künstler und Komponisten verbrachten seither in Wiepersdorf zeitlich begrenzte Arbeitsaufenthalte. Dazu bedurfte es einer Erlaubnis des Schriftstellerverbandes oder anderer kultureller Organisationen, die die offizielle Kulturpolitik der DDR repräsentierten. Am 4. April 1965 wurde das Haus  in "Bettina von Arnim-Heim" umbenannt. Viele Autoren setzten sich in Wiepersdorf mit Bettine und Achim von Arnim sowie anderen Romantikern auseinander, einige liessen sich inspirieren. Sarah Kirsch schrieb hier ihren "Wiepersdorf-Zyklus".

 

jpgAnna Seghers

 

Anna Seghers zog es in den 1950er und 1960er Jahren oft nach Wiepersdorf. Hier entstanden einige Erzählungen ihres Zyklus „Die Kraft des Schwachen“ und die Karibischen Novellen. In der DDR setzte seit Anfang der siebziger Jahre eine verstärkte Rückbesinnung auf die Romantik ein, repräsentiert vor allem von Franz Fühmann sowie Christa und Gerhard Wolf. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns am 16. November 1976, als die Repression des SED-Regimes einen neuen Höhepunkt erreichte, griffen viele Autoren Themen der freiheitsliebenden frühen deutschen Romantiker und ihrer Sehnsüchte auf. Ihr oft kritischer Umgang mit den Gesellschaften und den politischen Konstellationen vom Ende des achtzehnten bis in den Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hinein wurde in den Werken zahlreicher DDR-Autoren und Künstler reflektiert. Darin drückte sich vielfach Kritik an den Zuständen im eigenen Staat aus. Bettina von Arnim bot aufgrund ihrer Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit und ihrer Unterstützung der Revolution von 1848 vielerlei Identifikationspotenzial.

 

Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten übernahm der Kulturfonds der DDR 1979 die Rechtsträgerschaft von Schloss Wiepersdorf. Am 10. Mai 1980 eröffnete Kulturminister Dr. Hans-Joachim Hoffmann das Haus als „Arbeits- und Erholungsstätte für Schriftsteller und Künstler Bettina von Arnim“. Die Kinderbuchautorin Christa Kožik hielt 1985 am Grab der Bettine von Arnim anlässlich ihres 200. Geburtstages eine Ansprache. Weitere Gäste in Wiepersdorf waren u.a. Eberhard Meckel, Peter Huchel, Volker Braun, Friedrich Dieckmann, Irmtraud Morgner, Thomas Rosenlöcher und Maxi Wander.

 

Wie ging es nach der Wiedervereinigung weiter?

 

Nach der Wende wurde Schloss Wiepersdorf als Künstlerhaus mit Aufenthaltsstipendien wiedereröffnet. Die aus dem Kulturfonds der DDR hervorgegangene Stiftung Kulturfonds war Trägerin und zugleich Geberin der meisten – auch internationalen - Stipendien. Nach 1992 waren u.a. Rüdiger Safranski, Marcel Beyer, Jurij Andruchowitsch und zweimal die Literaturnobelpreisträgerin 2015 aus Belarus Swetlana Alexijewitsch im Schloss Wiepersdorf zu Gast.

 

Die positive Entwicklung wurde erleichtert, nachdem Clara von Arnim 1998 ihren Rückübertragungsantrag zu Gunsten des Landes Brandenburg und im Interesse der Öffentlichkeit widerrufen hatte. Davon betroffen war auch ein Teil des literarisches Nachlasses Achim und Bettina von Arnims, der in der Stiftung Klassik Weimar zugänglich ist.

 

RTSymposium

 

 V.l.n.r. Dr. Therese Hörnigk, Vorsitzende der Christa Wolf-Gesellschaft, Prof. Dr. Birgit Dahlke, Dr.Friederike Frach, Prof. Dr. Wolfgang Bunzel, Goethe-Haus Frankfurt, Rechts: Dr, Ralf Klausnitzer, Institut für Deutsche Literatur Berlin an der Humboldt Universität. 

 

In der Reihe des Freundeskreises erschien 2017 im Quintus-Verlag der von Friederike Frach und Norbert Baas herausgegebene Band "Die Blaue Blume in der DDR - Bezüge zur Romantik zwischen politischer Kontrolle und ästhetischem Eigensinn" mit Beiträgen von Friedrich Dieckmann, Maria Brosig, Therese Hörnigk, Christa Kozik, Wolfgang Bunzel, Frank Hörnigk, Monika Melchert, Birgit Dahlke, Ilse Nagelschmidt, Martin Jankowski, Annett Gröschner/Thomas Rosenlöcher, Norbert Baas, Friederike Frach, Ralf Klausnitzer, ISBN 978-3-947215-04-1; https://www.quintus-verlag.de

Die Arbeit stützt sich u.a. auf das 2012 erschienene Buch von Friederike Frach, Schloss Wiepersdorf: Das "Künstlerheim" unter dem Einfluss der Kulturpolitik in der DDR, Ch. Links Verlag 2012, ISBN-10: 9783861536741   

Der Freundeskreis hat damit 2015 begonnen, die Geschichte der DDR in Wiepersdorf aufzuarbeiten. Im Oktober 2015 fand ein Symposium über die Rezeption der Romantik in der Literatur der DDR-Zeit in der "Tankhalle" in Wiepersdorf statt (Foto links) 

Ralf Klausnitzer

 

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